Refugees welcome? Geflüchtete an deutschen Hochschulen

Refugees welcome? Geflüchtete an deutschen Hochschulen

Eine große Anzahl von Geflüchteten ist im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Die Integration der Geflüchteten stellt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar, zu der auch die Hochschulen einen Beitrag leisten müssen. Welche Bilanz lässt sich jetzt, ein Jahr nach Merkels „Wir schaffen das!“, hinsichtlich der Situation an den Hochschulen ziehen? Welche Handlungsempfehlungen für die Zukunft lassen sich ableiten?

von Silja Klepp und Kristina Musholt

Zunächst lässt sich festhalten, dass an den Hochschulen, wie auch andernorts, diverse Aktivitäten entwickelt wurden, um Geflüchtete beim Ankommen in Deutschland zu unterstützen. Neben Sprachkursen und Gasthörerprogrammen finden sich etwa Buddy-, Tandem- und Mentoring-Programme sowie Kennlernaktivitäten und fachspezifische Austauschforen. Viele dieser Initiativen sind von studentischem Engagement getragen. Den Geflüchteten wird das Ankommen allerdings durch verschiedene Faktoren wie etwa die großen Belastungen der Flucht, Sprachbarrieren und die Regelungen zur Hochschulzugangsberechtigung erschwert. Für die Hochschulen bedeutet die Situation Herausforderung und Chance zugleich, sich auf eine neue Gruppe Studierender einzulassen.

Drei Wissenschaftlerinnen, die auch Mitglieder der Jungen Akademie (JA) sind, haben am 13. Mai 2016 eine eintägige Konferenz in Berlin organisiert, die zum einen zum Ziel hatte, diese Schwierigkeiten und Herausforderungen zu sichten und zu diskutieren. Zum anderen sollte dieses Treffen auch eine Gelegenheit zur Vernetzung der sehr unterschiedlichen engagierten Gruppen und der schließlich mehr als 130 Teilnehmenden geben, die an deutschen und europäischen Hochschulen für und mit Geflüchteten aktiv sind.     Klar wurde an diesem Tag, dass die deutsche Hochschullandschaft extrem heterogen auf die Aufnahme von Geflüchteten reagiert. Da sind jene, die schon länger an einem Versäumnis der deutschen Universitäten und Hochschulen arbeiten: nämlich die Vielfalt der Gesellschaft auch in die Universitäten zu tragen und dadurch neben mehr Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe auch mehr Innovation durch Diversität zu schaffen.

Zu diesen Hochschulen gehört zum Beispiel die Universität Bremen. Mit IN-Touch legte sie schon 2014 ein niedrigschwelliges Gasthörer_innenprogramm für Geflüchtete mit akademischem Hintergrund auf, das anschließend in einer Studienaufnahme münden soll. Rektorat und Studierende sind hier zum Beispiel bei der Unterstützung des Spracherwerbs gemeinsam aktiv geworden, um die Zugangshürden für Geflüchtete abzubauen. Durch das vor allem ehrenamtliche Engagement auf allen Ebenen konnten Gelder eingeworben werden, die nun die neu geschaffenen Angebote der Universität Bremen verstetigen. Zudem wurde IN-Touch auf alle staatlichen Hochschulen im Land Bremen ausgeweitet.

Es finden sich hingegen auch Universitäten, die selbst das Engagement ihrer Studierenden nicht unterstützen, sondern sogar ausbremsen. Auch die Informationslage für Geflüchtete und Unterstützer_innen ist von Hochschule zu Hochschule sehr unterschiedlich. Dabei ist eine individuelle Bildungsberatung für alle Geflüchteten, die ein Studium aufnehmen möchten, unerlässlich. Es zeigte sich, dass bei Geflüchteten und teilweise auch bei den Initiativen oft Unklarheit über die verschiedenen Möglichkeiten, aber auch Beschränkungen, die zum Beispiel ein Gasthörer_innenprogramm bringt, herrscht; darüber hinaus ist oft nicht einmal innerhalb einer Universität selbst bekannt, welche unterschiedlichen Aktivitäten es gibt. Notwendig ist daher eine bessere Vernetzung und Koordination verschiedener Initiativen innerhalb der Hochschule und darüber hinaus, um Doppelstrukturen zu vermeiden und möglichst gute Angebote für Geflüchtete zu schaffen. Hierfür braucht es entsprechende Koordinierungsstellen.

Zudem wurde klar, dass die Gesamtsituation der Geflüchteten in Deutschland eine – wenn nicht die entscheidende – Rolle für die Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten der Geflüchteten in Deutschland spielt. Mit unsicherem Rechtsstatus im „Wartemodus“ auf eine Registrierung, Anhörung oder Entscheidung, mit mangelnden finanziellen Mitteln und Auflagen wie der Residenzpflicht ist es fast unmöglich, erfolgreich zu studieren. In diesem Sinne wurde auch Kritik an dem vor kurzem verabschiedeten Integrationsgesetz laut, das nun sogar eine Wohnsitzauflage für anerkannte Geflüchtete enthält und damit die Residenzpflicht noch verschärft. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass integrative Maßnahmen an Hochschulen, im Gegensatz zu einer dualen oder betrieblichen Ausbildung, keinerlei Einfluss auf die Bleibeperspektive von Geflüchteten haben. Es wurde deutlich, dass Bildungspolitik und Partizipations- und Integrationspolitik auf allen Ebenen verzahnt werden müssen, um erfolgreich zu sein.

Die Hochschulen können in deren unsicheren Lage eine wichtige Rolle im Leben der Geflüchteten spielen, indem sie bei der Ankunft unterstützen und zum Beispiel durch regelmäßige Sprachkurse Begegnungsmöglichkeiten bieten. Dabei gilt es, eine inklusive Lehr- und Lernkultur zu schaffen. Dazu gehört auch, Geflüchtete selbst bei der Planung und Organisation von Lehr- und Begegnungsangeboten mit einzubeziehen. Diese hoch motivierten Studierenden und Wissenschaflter_innen mit einem ganz anderen Erfahrungshorizont , als ihn Studierende und Lehrpersonal in Deutschland im Allgemeinen haben, können dabei wichtige Impulse in die Hochschulen geben und mittel- bis langfristig mit dafür sorgen, dass Wissenschaft in Deutschland weniger homogen bleibt.

Nach einer ersten Welle des Engagements und der provisorischen Lösungen für den Zugang von Geflüchteten an die Hochschulen, die teilweise auch viel Kraft gekostet hat, muss es nun darum gehen, nachhaltige Wege in die Universitäten zu finden. Experimentierfreudigkeit und Kreativität, auch im Umgang mit der Gesetzeslage, können dabei gerne beibehalten oder ausgebaut werden. Diese nachhaltigeren Wege, die auch im Gesamtkonzept der Universitäten zu Diversität und Teilhabe verankert werden müssen, sollten über ein niedrigschwelliges Angebot wie den Gasthörer_innenprogrammen rasch in ein geregeltes Studium führen, um ein wirkliches Ankommen in Deutschland und eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Die Erfahrungen der Geflüchteten und der Hochschulen müssen dabei auf allen Ebenen geteilt und diskutiert werden. Die Rolle der Hochschulen für mehr Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und Diversität bei den höheren Bildungsabschlüssen kann durch eine Öffnung für Geflüchtete dabei nur gewinnen.

Darüber hinaus spielen Hochschulen eine wichtige Rolle hinsichtlich der Ausbildung von Lehrer_innen und anderen Fachkräften, die mit Zugewanderten und Geflüchteten arbeiten. Hier sollte etwa der Bereich interkultureller Verständigung systematischer Teil der Ausbildung werden; zudem gilt es, dem herrschenden Mangel an Fachkräften in der Sozialen Arbeit und Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache entgegen zu wirken.

Schließlich sollte die an den Hochschulen stattfindende Migrations- und Integrationsforschung stärkeren Eingang in die politische Diskussion finden. Sie liefert Erkenntnisse auch zur Situation von Flüchtlingen in Deutschland und speziell zu den Barrieren und den Möglichkeiten für Geflüchtete, sich nach der Ankunft eine neue Perspektive aufzubauen. Bei all dem ist es wichtig, die Finanzierung der Studienplätze für Geflüchteten an Hochschulen ebenso wie diejenigen der anderen Studierenden nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Zukunft zu begreifen.

  • Silja Klepp ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit der Uni Bremen und seit 2012 Mitglied der Jungen Akademie.
  • Kristina Musholt ist Professorin für Kognitive Anthropologie am Institut für Philosophie der Uni Leipzig und seit 2014 Mitglied der Jungen Akademie.

 

 


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